Logbuch
Logbuch
Logbuch:
the reports of my voyage on german research vessel „Meteor“ in february 2011
8.Feb. 2011, Dienstag
Was sucht ein Maler auf einem Forschungs-Schiff? Keine Ahnung, doch vielleicht finde ich es heraus und so habe ich mich auf den Weg gemacht…
Habe meine Flughafen-Paranoia zur Seite gestellt und in Frankfurt die jungen "Meteor"-Wissenschaftler anhand ihrer Jeans und Laptops identifiziert. Vom Flieger Sizilien gesehen, Palermo mit dem Monte Pellegrino erkannt und mich dorthin gesehnt.
Dann taucht unten Malta auf, sehr deutlich, besonders Valletta mit seinem Hafen.
Schliesslich komme ich mit unserer Argonauten-Gruppe bei der "Meteor" an, die uns von Malta zum Bosporus nehmen wird. Leider nicht auf der Jagd nach dem Goldenen Vlies, sondern nach "Archaeen", kleinen sehr, sehr alten Tierchen, die sich vorzugsweise sehr weit unten im Meer, im Schlamm und im Dunkeln aufhalten.
Ankunft bei der „Meteor“ in Valetta / Malta
Kaum an Bord, wird klar: unsere Argo wird
offenkundig mit Handschuhen gerudert.
Die Gänge und Treppen drinnen und draussen fügen
sich zu einem bizarren Labyrinth, ich scheitere immer
wieder an diesem Ratten-Experiment und lasse mich
einfach davon überraschen, wo ich ankomme. Alles
Gerät und Zubehör an Bord ist sehr adrett und
kompakt einsortiert. Wir auch.
Ein längerer Gang durch den Hafen ist die
letzte Chance in den nächsten zwei Wochen, noch
ein bisschen zu laufen und so treffe ich auf die
Original-Argo im tète á tète mit einem U-Boot.
9.Feb. 2011, Mittwoch
Bei der Ausfahrt am nächsten Morgen passieren
wir Fort S. Angelo in all seiner Wucht, dort hätte
Pasolini ebenfalls seine Medea
inszenieren können. Ganz Malta besteht
anscheinend aus solchen Festungen, die über die
Jahrhunderte aus gelbem Stein übereinander
gestapelt wurden, um jeden mit ihren gewaltigen
Unterkiefern zu bedrohen…man wird sich hier
vor ihnen gefürchtet haben.
Unser Schiff schiebt sich ins offene ziemlich blaue Wasser und Malta ist bald verschwunden. Jetzt werden wir erstmal eine Weile kein Land mehr sehen und damit ich nicht in Trübsinn verfalle, werden wir zu verschiedenen Instruktions-Treffen versammelt. Die Schwimmweste wird schon mal anprobiert. Sie verfügt über eine hübsche Pfeife und ein kleines Lämpchen.
10.Feb. 2011, Donnerstag
Das Schiff fährt ruhig vor sich hin. Das erste Ziel im Urania Becken nicht allzu fern vom Peloponnes soll gegen 15.00 Uhr erreicht werden. Wir haben also Afrika rechts und Europa links. Von beiden ist nichts zu sehen. Nur ganz gerader Horizont, leichte Wellen und ab und zu einige zarte Wolken.
Es fühlt sich an wie eine gelassene Kreuzfahrt, ich irre nach wie vor durch die Gänge und lande immer wieder bei jungen ernsthaften Menschen, die ihre Waffen laden und ihnen zärtliche Namen geben: Ginger, Fred, Norbert.
Bei aller Sachlichkeit steckt darin ein Hauch von Animismus, Voodoo. Verständlich, es werden Geräte ausgeschickt in ziemlich dunkle Zonen unter dem Wasser, die kein Mensch genau kennen kann.
Und die Arbeit erweist sich als vertrackt, als wir den Zielpunkt erreichen. Die Suchgeräte zur Aufnahme von Sedimenten verhalten sich merkwürdig und bringen zwar grauen stinkenden Schlamm mit hoch, jedoch fast mehr aussen am Apparat als in den dafür mit Sorgfalt vorbereiteten Behältern. Unerwartet scheint sich in der Mulde am Meeresboden noch eine Art Schacht zu befinden. Erklären könnten sich die Wissenschaftler das mit einem Schlamm-Vulkan.
Ein Tau (11.02.10.Seil) erinnert mich an die Farben von Fensterläden in Neapel oder der Provence - mediterranes Türkis und Orange von deutschem Hanfgrau umschlungen, eine Farbe wie der November über Düsseldorf.
Spätabends werfe ich einen Blick durch ein leuchtendes Bullauge und erkenne eine Schmiede, passend zum Vulkan-Thema, das hier in den Zusammenkünften erörtert wird.
11.Feb. 2011, Freitag
Beim Aufwachen wiegt sich das Schiff leicht in der Dünung, es
liegt jetzt bereits seit gestern nachmittag sehr genau auf einer
Stelle und das muss es auch, damit die Geräte exakt am
angepeilten Ort auf dem Meeresboden auftreffen. Anscheinend
auf zwei, drei Meter genau, trotz Wind, Strömung oder was
sonst. Filigransteuerung. Dauereinparken.
Das erste Gerät ist wieder oben, sie können nur nacheinander
hinabgelassen werden, sie würden sich sonst verheddern. Aber
nochmals scheint etwas schiefgegangen zu sein. Nun läuft der
nächste Versuch. Warten. Der Weg nach unten dauert eine
Stunde bei 3600 Metern Tiefe und zurück ebenso.Ob der
Versuch geglückt ist, sehen wir erst, wenn die Instrumente
wieder aus dem Wasser kommen.
Dann taucht das "Multi-Core" auf und es erfüllt uns mit
Kummer, zu sehen, wie es an seinem verdrehten Beinchen
hängt. Als es dann auf Deck steht, fallen Schlamm-Placken von
ihm wie Kuhfladen. Es riecht entsprechend.
Auch der Einsatz des Schwere-Lots scheint vertrackt, immerhin kommen über den Tag wohl einige Proben
zusammen, die irgendwie zu gebrauchen sind. Ich hätte nicht gedacht, dass es so schwierig ist.
Und das "Multi-Core"-Tierchen kriegt vom Schmied einen Gips.
Verteilung der Proben
Schmiede
12.Feb. 2011, Samstag
1.45 h: Immer noch sind einige Argonauten zugange, sortieren was oder sinnieren vor Skalen (" …wie kann der Sauerstoffgehalt 3,5 km unter der Meeresoberfläche bei nur 2m Differenz so springen ?").
...some sleep....some dont
Ich rauche, nehme noch einen Schluck Stolichnaya und schaue draussen nach Delphinen: kein einziger.
Dennoch, es ist eine Lust, auf dem Wasser zu sein, ich könnte brüllen.
Und gerade auf griechischem Wasser, voller Poseidon und Nymphen in brutaler Unschuld. Wenn sein Wellen-Bauch sich bläht, wird es noch kobalttuscheblauer.
Nach ein paar Stunden Schlaf bin ich wieder bei den Wissenschaftlern; die Dinge laufen jetzt deutlich runder. Jeder ist begeistert, als das Multicore richtig herum und intakt auftaucht, mit jeder Menge Schlamm da, wo er reinsoll: in der Batterie von Kunststoffröhren, statt aussen drauf.
Über dem Schlamm liegt wieder eine schwarz-ölige Brühe. Wie hier mit gelbem Helm und blauem Overall geschuftet wird, um fäkal riechenden Schlamm zu bergen, erinnert an Kanalarbeiten. Dass sich alle darauf stürzen und schwer gefüllte Röhren wie Monstranzen umhertragen, deren oberes Ende mit Gummihandschuhen dekoriert wird, wirkt leicht exaltiert…die wunderbaren Tränen des S. Gennaro in Neapel können kaum bewegender sein.
Handschuhmützen
Spritzen-Hölle
Nachmittags wird mit dem Schwerelot etwas hochgeholt, das mich an Ocker-Fundstellen in der Provence erinnert. Man muss sich das so vorstellen: ein ca. 15 m langes graues Plastik-Leitungsrohr wird tief unten in den Grund gestossen und stanzt eine senkrechte Säule aus den Sediment-Schichten. Jetzt konnte, nachdem das Rohr baguette-artig längs aufgeschnitten war, eine Farbpalette betrachtet werden, die von oben mit pech-pech-schwarz beginnend ins Olive ging, Ockertöne von fast englischrot bis lichtocker durchlief, gefolgt von dunklem kaltgrau, dann warmes helleres elefantengrau, wieder reiche Ockertöne und so fort.
Eine gewisse Ratlosigkeit verbreitet sich, als oben ein frisches klitzekleines Fitzelchen Gras und weiter unten ein eiswürfelgleicher Salzkristall auftauchen; jetzt fehlt noch die Kuh dazu.
13.Feb. 2011, Sonntag
Das Schiff läuft weiter nach Osten. Nachts um 3.00 Uhr sehe ich links ferne kleine Lichter - von Kreta. Es wäre schön, sich dort umzusehen. Wir lassen es links liegen. Wir werden Alexandria rechts liegen lassen.
Morgens ist Mubarak zurückgetreten, nach Allem; Westerwelle ist angerührt von der Aufbruchstimmung in Tunis. Letzte Nacht flogen Fledermäuse ums Schiff.
Später sitzen einige der Crew auf ihrer kleinen Terrasse und Klaus der Koch aus Kölle verteilt schräge Witze; rings Wasser, Wasser und Wasser, Sonne über ein paar sanften Wolkentupfern und mitten drin ein Eckkneipen-Idyll.
Es findet sich ein gutes Malplätzchen auf dem Deck am Bug auf
einer Ladeluke.
Der Diesel wummert verlässlich dahin unter Mond und Venus.
Stecke mir Stöpsel aufs Ohr und höre Andreas Scholl mit Purcell's
"Rise of the Genius of the Cold". Dürfen wir die Tierchen tief
da unten überhaupt wecken, nach Jahrmillionen?
Nehme noch einen Stolichnaya; vielleicht beginne ich, Gesichter zu sehen…
venusarchaea orange Schlauch
14.Feb. 2011, Montag
So ein Schiff bedarf ständiger Hautpflege, das Salz der See
lässt es immer wieder rosten. Aus diesem Grund wird an
Bord unablässig geschmirgelt und gebürstet und lackiert.
Auf den Decks, auf den Treppen, an den Borden und
Geländern, in allen Winkeln.
House work never ends.
Hier schuften meine Brüder im Zeichen der Bürste.
In einer Kammer sind sorgfältig die Mengen von Grundierung,
Mennige, Lack und Lösungsmittel verstaut, die dabei verbraucht
werden, wenn der Schiffskörper mit ewig neuen Schichten überzogen wird.
Und zur Reinigung der Hände und Werkzeuge finde ich, wie
in meinem Atelier: ein Fläschchen Pril: Fett-weg!
Für mich gibt es auch ein wenig Farbe. Nachdem die Beute der
vergangenen Tage fertig ausgemessen und alle erforderlichen
Proben genommen sind, darf ich mir mit einem Spachtel etwas vom
verbliebenen Schlamm frisch aus dem offenen Rohr in kleine
Creme-Döschen abfüllen. Das tue ich und stelle fest, wie
unglaublich zäh die Masse ist. Ich schlage die Dosen heftig
auf die Tischplatte auf, um das Zeug einigermassen zusammen zu
stauchen. Die Wissenschaftler schauen mir irritiert zu. Um die Dosen
mit nach Hause zu nehmen, stecke ich sie in die Original-
"Meteor-Muggen" die ich im store von Andreas, dem immer
charmanten Steward, erworben habe. Sie passen perfekt.
Daheim werde ich versuchen, den Schlamm als Pigment zu verwenden.
Schlamm-Pigment
Die "Meteor" erreicht ihren nächsten Zielpunkt, ziemlich genau
in der Mitte zwischen dem Nil-Delta in Ägypten und der Insel Zypern
im offenen Meer. Hier ist es deutlich weniger tief als zuvor,
ca. 1450 m statt 3600. Daher werden hier sehr viel schneller
als zuvor mehrere Proben vom Grund genommen und vorbearbeitet.
Das bereits beschriebene Leitungsrohr wird von Markus geschlachtet,
dabei arbeitet er auch mit der Garotte und durchschneidet dem
Schlamm die Kehle mit einer Nylonschnur.
Die Rohre aus dem Multicore werden wieder mit seltsamen Mützchen
ausstaffiert und hingestellt.
Goya hat das in seinen finsteren Bildern dargestellt: Die Delinquenten
der Inquisition mit Spott-Hüten und ihr Ende durch die Garotte.
Und auch die samtenen Grautöne der Sedimentschichten schimmern,
wie von Goya gemalt.
Ivano betrachtet ruhig die Suppe in den Multicore-Röhren.
15.Feb. 2011, Dienstag
Nachdem Schwerelot und Multicore geborgen waren, hat das Schiff sofort zurück nach Kreta gedreht, um Aleka, die griechische Beobachterin, in Heraklion abzusetzen. Wir laufen also mit voller Fahrt wieder nach Westen. Die Wissenschaftler nutzen die Zeit, um erste Proben zu analysieren. Sie sitzen wie meist bei Neonlicht und wenig Sonne in ihren Labors.
Auch vom nächtlichen Deck schaue ich noch in ein glühendes Labor…
16.Feb. 2011, Mittwoch
Wir laufen weiter durch die See, ringsum ruhiges Meer und immer
Sonne mit nur wenigen hingestreuten Wolken, es ist angenehm warm
und ich sitze an meinem Tisch über der Brücke im höchsten Raum
der "Meteor" und schaue dem Horizont zu, wie er leise von links nach
rechts kippt. Hier oben schaukelt es auch am meisten, obgleich das
Meer ziemlich ruhig ist. Während wir uns langsam Kreta nähern,
bastle ich mal wieder an meinem Reisebericht und sitze mit verzogener
Schulter am Rechner. Es geht heutzutage alles viel schneller,
aber das kostet eben Zeit.
watchtoweroffice
Schließlich liegt Kreta direkt vor uns mit dem Hafen von Heraklion. Die Küstenwache nimmt die griechische Beobachterin Aleka von Bord. Wir drehen wieder sofort raus und richten uns auf die Ägäis.
Im Schwenk blicken wir auf eine Insel gegenüber von Kreta, von hier kam angeblich Zeus. Und von ein paar anderen Orten. Wir fahren auch hieran vorbei…wenn sich die Wissenschaft etwas in den Schädel gesetzt hat…
Während es langsam dämmert, ziehen immer wieder Inseln
vorbei, eine lange Kette, links Kykladen, rechts Dodekanesos.
Dort haben immer die Götter gewohnt. Noch vor dreissig Jahren.
Jetzt gibt es Strom. Drüben in den Städtchen und Dörfern zittern
winzige Lichter oben in den Bergen und unten gleich am Wasser.
Da finden sich Iason, Herakles und Orpheus viel besser zurecht
und geraten nicht in Abenteuer.
An Bord werden noch einige Säulen-Schnitte zubereitet.
Die Nacht macht sich breit. Spät schaue ich noch lange den
Lichtern nach, sie sind nun alles, was man von den Inseln noch
erkennen kann.
17.Feb. 2011, Donnerstag
Es ist ca. 10 Grad kälter als gestern und deutlich diesiger und der
Himmel zugehängt.
Steuerbord/rechts lassen wir als letzte grosse Insel Lesbos zurück.
Nur vage hebt sie sich aus dem Dunst.
So geraten wir gemächlich näher an die Dardanellen. Man sieht
immer mehr Schiffe auf dem Meer herumliegen.
Die Forscher beraten sich, in den nächsten Tagen kommt einiges
auf sie zu.
Die Arbeitsschuhe verschnaufen noch.
Bald müssen die nächsten Proben genommen werden.
Der Lotse kommt mit einem kleinen orangen Bötchen, um uns
durch die Dardanellen zu bringen. Er ist so schnell an Bord geklettert,
wie man in einen Apfel beissen kann.
Das geht, ohne die Fahrt zu drosseln.
18.Feb. 2011, Freitag
Abends habe ich noch nach Gallipoli geblickt, die Halbinsel, auf der zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Eisenschlachten gekämpft wurden, ohne Rücksicht und verbissen. Peter Weir erzählt in einem Film davon. Es gibt, wie auch die Thermopylen, immer wieder diese schmalen Stellen zwischen Europa und Asien, die eine Partei nicht preisgeben und die andere bedingungslos erzwingen will.
Morgens liegen die Dardanellen bereits weit hinter uns und ebenso haben wir das Marmara-Meer durchlaufen. Als wir auf das Deck treten, stehen grau im Nebel Dutzende von dunklen Stahl-Schatten auf dem stillen Wasser, bewegungslos. Es wirkt wie ein Friedhof der abgetretenen Riesen, die hier gelassen wurden, um sich langsam rostend in der See aufzulösen.
Allerdings liegen sie hier wohl nur auf Reede oder erwarten ihre Freigabe zur Durchfahrt in den Bosporus.
Bald verfliegt der Dunst und wir erreichen Istanbul zur ersten Begegnung unserer Fahrt, türkis und fliedern strecken sich Himmel und Meer um die rosa getupft leuchtenden Gebäude fern von uns.
Ein wärmender Anblick, gerade eben lässt sich noch die theodosianische Landmauer mit dem Goldenen Tor ausmachen, wunderbar, ein bisschen innezuhalten. Für mich. Die Forscher warten ohne viel Geduld auf zwei türkische Beobachterinnen, die den Rest der Expedition im Marmara-Meer und im Schwarzen Meer begleiten sollen. Sobald sie uns endlich erreicht haben, geht es weiter zur nächsten Erkundungsstelle. Es ist sieben und dunkel, Schwerelot und Multicore werden ein weiteres Mal über Bord gehoben, schweben an Stahlseilen an den Grund ins Dunkel und werden dann wieder nach oben gehievt. Jedes mal gefüllt mit weiteren Proben, die Auskunft darüber geben sollen, welche Art von Leben dort welche Spuren aus welcher Zeit lange vor uns im Sediment hinterlassen hat. Danach wieder das übliche Schlachten der schlammgefüllten Rohre und die anschliessende Untersuchung, Zuordnung nach Schichten, Bewertung und Lagerung der erzielten Beute.
Momente stiller Freude scheinen vor mir auf - inmitten des Getümmels.
Da mir allerdings immer noch niemand ein Archaeen-Tier gezeigt hat, es sich womöglich eher um eine Art Pilz handeln könnte, zimmere ich mir vorerst selbst eins, aus verschmerzbaren Sedimentschlamm-Resten.
Am nächsten Morgen ist es bereits im Müll gelandet.
19.Feb. 2011, Samstag
Während die Forscher noch die Ergebnisse aus dem Marmara-Meer sichten, wird die "Meteor" bereits durch den Bosporus gelotst, vorbei am leuchtenden Konstantinopel-Byzanz-Istanbul.
Konstantinopelnacht; Photo: Julius Lipp
Erst gegen sechs Uhr morgens verschwinden die nicht enden wollenden Vororte der grossen Stadt seitlich im morgendlichen Dunst, da schwappen wir schon auf dem Schwarzen Meer. Es ist markant frischer geworden, ein Windchen pfeift aus Nordost und nach einer langen Fahrt wie auf Geleisen beginnt das Schiff in sich aufbauender Dünung nun doch endlich munter zu schaukeln. Die Bugnase nimmt wieder und wieder eine Prise Gischt, die Woge rollt unten durch und lässt die Heckwelle wie eine Landstrasse hügelaufwärts ziehen. Die Wellen werden langsam grösser und das Schiff kleiner.
Duenung
Am Abend werden trotz Taumelbewegungen neue Proben vom
Grund geholt und wie am Vorabend bearbeitet. Das ist
Produktion unter verschärften Bedingungen, im Geschlinger,
doch nichts schlägt an die Bordwand und die Leute hier lassen
sich davon keineswegs beeindrucken. Die Crew nimmt's
ohnehin gelassen.
Ivano zeigt mir Diatomeen, sehr hübsch, wie ein Brausekopf
von unten; und Matthias vergoldet mir den schwankenden Tag,
indem er mir die Sintflut zeigt: tatsächlich, da ist sie, klar
erkennbar am Ende der dünnen braugetönten Schichten und
dem Beginn des grau marmorierten Schlamms. Na also.
Belegt mit Matsch, der riecht wie die Pforten der Hölle.
Ich lege mich hin und lese Dante.
20.Feb. 2011, Sonntag
Als ich um 3.00 Uhr morgens in die Koje kletterte (bleibt hackelig),
sind die Gefährten noch mit Löffeln und Spachteln beschäftigt
und präparieren und markieren ihre Proben, die sie nach Bremen
mitnehmen wollen. Zum Frühstück kurz nach 7.00 jedoch bin ich
zum ersten mal alleine in der Messe. Alle anderen müssen sich
erholen. Die Pumpen (ganz unten Norbert, dann Ginger, Fred
und Jochen) hängen außenbords in 300 Meter Tiefe an einem
Stahlseil und filtern Kleinstlebewesen und ihre
Hinterlassenschaften aus dem Meerwasser. Dies werden sie über
den Tag durchhalten, um gegen 24.00 Uhr endgültig in den
Feierabend zu gehen und eingepackt zu werden.
Überhaupt beginnt jetzt das grosse Einpacken. Schweres Gerät
wird zerlegt und unterm Kran festgekettet.
An der Bordwand entlang läuft lange weiche Dünung, am
Himmel hängen niedrig Wolken, rosa und violettgrau, das
Schwarze Meer glänzt speckig grüngrau. Regen, mittlerer,
ziemlich kühler Wind.
Gebt mir einen kleinen schwarzen Kaffee in
Konstantinopel!
Ich male noch ein Aquarell "Venusarchaea" für das
Gästebuch der „Meteor“.
In der Begegnung und den vielen freundlichen Gesprächen mit den Forschern glaube ich soviel verstanden zu haben, dass Archaeen-Forscher gerade beim Gedanken an Räume richtig lebendig werden, in denen das uns vertraute Leben komplett erloschen ist. Darum ist gerade das Schwarze Meer ihr Garten der Lüste: von 150 Metern Tiefe an fehlt jeder Sauerstoff. Es ist unten vor Jahrtausenden schon umgekippt. Das hierdurch entstandene besondere Sediment lässt ihren Puls hochgehen. Das ist das Goldene Vlies dieser Fahrt. Für diese neue Sorte Argonauten wäre die Fahrt nach Kolchis Zeitverschwendung, deshalb bleiben wir so kurz davor im offenen Meer stehen, ziehen einige Proben des kostbaren Schlamms und werden darauf umkehren. Denn der Gewinn eines goldenen Widderfells hat für sie keinen Reiz. Widder atmen. Luft.
Der Archaeenforscher wird anders glücklich: In den Probenkernen, die geborgen und geöffnet wurden, finden sich feinlaminierte Schichten von Ablagerungen, die sich wie Baumringe lesen lassen, und darin Hinweise auf das, was sie zu sehen hofften;
Leben ohne Sauerstoff. Alles Rote, Gelbe oder Ockerfarbene missfällt, da es auf O2-Stoffwechsel hinausläuft. Ihre besondere Neigung gilt dem Grau und Schwarz, das verbindet sie mit den grossen spanischen Malern Zurbaran, Velazquez, Goya; und ein etwas spezielles Verhältnis zum Tod.
Haben wir denn nun bereits Archaeen gefunden? Ich würde gerne eine streicheln.
Dafür ist es noch zu früh. Hinweise haben sich vielfach feststellen lassen, durch Gasanalysen, Laseruntersuchungen und was sonst das Waffenarsenal hergibt. Aber sichtbar, geschweige denn tastbar, sind die Lebewesen noch nicht. Man kann begreifen, doch noch nicht anfassen.
In einigen Wochen, zurück an ihren Stützpunkten, werden die Wissenschaftler einiges mehr erkennen und vielleicht sichtbar machen können. Streicheln wird schwierig bleiben. Sie lieben ihre Tierchen aus der Todeszone dennoch.
21.Feb. 2011, Montag
Heute wird nur noch abgebaut, zusammengepackt,
aufgeräumt und sauber gemacht.
Die Meteor liegt vor der Einfahrt in den Bosporus.
Noch einmal warten wir auf den Lotsen.
Dann geht es an Land und morgen früh verlassen
wir das Schiff endgültig, reisen heim oder bleiben
noch ein paar Tage in Istanbul.
Während wir hier liegen, rollen noch einige müde
Wogen gegen die Bordwand.
schwarzmeergruen
22.Feb. 2011, Dienstag
Nach der Ankunft vor Istanbul, abends am 21. Februar, beginnt
ein langes Warten auf die türkischen Behörden. Schliesslich können
wir am späten Abend festmachen und erhalten am nächsten Mittag,
dem 22. Februar, unsere Pässe zurück, sodass wir zu unseren Hotels
aufbrechen können. Ein mässig ortskundiger Taxi-Fahrer, der sich
jede Einmischung in seine Arbeit verbittet ("no problem!!!"), erreicht
mithilfe eines Navigations-Gerätes, stetiger telefonischer Beratung
und nützlicher Hinweise aus der ansässigen Bevölkerung schliesslich
tatsächlich unsere Hotels.
Ich steige mit Charlie und Christoph im Top Deck Guest House unter
der Hagia Sophia ab, das wirkt, wie aus der Zeit der Hippie-Trecks
nach Goa übrig geblieben. Tatsächlich lande ich auf dem Top Deck
und kann über das Marmara-Meer schauen und auf die byzantinische
Mauer, die das alte Palast-Viertel deckte. Die beiden anderen landen
at the bottom of the Top Deck.
Nachmittags steige ich den Hügel hinauf zu einem kleinen
Rundgang um die Hagia Sophia. Wie bereits schon vom Schiff deutlich
erkennbar, ist ganz Istanbul über seine Hügel hinweg gelagert und
besteht aus einem ständigen Auf und Ab.
Da die historische Stadt Konstantinopel auf einer dreieckigen
Halbinsel längs des Goldenen Horns, des Meeresarms, der als Hafen
diente, liegt, findet sich die Hagia Sophia auf dem ersten, dem
Marmara-Meer zugewandten Hügel. Sie besteht aus einer ungeheuren
Baumasse, besonders durch ihre Stützwände, die seitlich die Wände
unter ihrer Kuppel zusammendrücken und aufrecht halten.
Von diesem westlichen Punkt der alten Stadt nach Osten führt die alte
Pracht- und Zeremonienstrasse der Kaiser, heute leicht daran erkennbar,
dass bereits auf den ersten Metern "Starbucks", "Mc Donald" und "KFC"
grüssen. Sie führt in Richtung des grossen Bazars an einer riesigen erhaltenen Porphyr-Säule vorbei, an der ich von einem der begleitenden Geologen darüber aufgeklärt werde, dass es sich bei dem ehrwürdigen Material keineswegs um Marmor handele, wie ich annahm.
Diese Säule jedenfalls ist von einer Reihe Bronze- und Eisengürteln umfangen, da sie mehrfach umgestürzt und gerissen war. Sie trug ursprünglich auf ihrer Spitze eine Figur des Konstantin, dargestellt als Helios, als "sol invictus", des unbesiegten Sonnengottes, auf dessen Feier zur Wintersonnenwende unser Weihnachtsfest zurückgeht. Diese Feier, in der der Kaiser selbst den Helios öffentlich darstellte, blieb auch in christlicher Zeit bis zum endgültigen Ende des Imperiums unverzichtbarer Teil des Zeremoniells.
Der Bazar stellt eine wiederum riesige überwölbte und labyrinthische Anlage dar, in der sich ohne ahnbares Ende kleine Geschäfte aneinanderreihen, überwiegend mit Schnickschnack und Glitzerzeug vollgestopft.
Alle fünf Schritte spricht mich ein netter Mensch an, um mich mit "umbrella!", "book!", "carpet!" glücklich zu machen.
Die gesamte in Istanbul gelandete Gruppe trifft sich noch einmal unter der Hagia Sophia zum Essen, wir haben die ganze liebenswürdige Aufmerksamkeit der vor den Lokalen wartenden Abschlepper und geniessen den Abend trotz Sprühregen und Kälte sehr.
23.Feb. 2011, Mittwoch
Beim Gang am Morgen hinab zu Seemauer am Marmara-Meer wird deutlich, dass sich eine Micky Maus-Welt in die monumentalen Reste der Baupracht und -Klarheit der Byzantiner genistet hat. Kleine knallbunte Spielplätze, am liebsten direkt vor antike Fassadenruinen gestreut, Wohngehäuse provisorisch zusammengestapelt, teils kleindekorativ übermustert, nach einer eigen Form und Sprache noch immer suchend. Wo wäre es offenbarer, dass auch die Moscheen in ihrer Grösse eine direkte Übernahme der oströmischen Formsprache darstellen. Als habe man an der nicht zu übertrumpfenden Vorgabe resigniert. Auch nach mehr als 500 Jahren.
Die islamischen Grabstelen gefallen mir mit ihrer schlanken Eleganz. Sie könnten Pferdegepäck sein.
Ebenso, wie die Häuschen aussehen, als seien sie nur unwillig gegen Zelte vertauscht worden. Begegnen uns hier noch immer Nomaden?
Einen grossen geheimnisvollen Eindruck hält die Zisterne der Hagia Sophia unter der Erde bereit. Am Ende eines kolossalen Säulenwaldes trifft man bei der Besichtigung auf zwei je einer Säule unterlegte, reliefierte Steinblöcke, etwa so gross wie zwei massive Schreibtische, von denen uns heute Medusenhäupter verschleiert anblicken. Als die Zisterne in Funktion war, befanden sie sich, auf der Seite und auf dem Kopf liegend, unter Wasser, also unsichtbar. Reiner Zauber, Voodoo, spirituelle Abwehr des Feindes vermutlich. Heidnische Medizin zum Schutz der Wasserversorgung der christlichen Metropole.
Auf dem Gelände des ehemaligen Hippodroms, dem zentralen Veranstaltungs- und Politikort von Byzanz, findet sich, als Sockel eines ägyptischen Obelisken, die ganze byzantinische Gesellschaft versammelt, der Kaiser, der einen Siegerkranz reicht, der Hofstaat, die Beamten, warägische Leibgarde, sich beugende Gesandte mit Phrygiermützen und Gaben, Musiker und Tänzerinnen und nicht zuletzt Pferdegespanne beim Wagenrennen. Eine ziselierte Soziologie und ein Kulturreport in strenger Ordnung.
In der alten Zentralkuppelkirche Hagia Sophia findet sich nur wenig an Ausstattung, die die Zeiten überlebt hat, einige Mosaikreste, ein paar umgürtete Porphyrsäulen. Der Reiseführer hebt die schwebende Leichtigkeit der Kuppel hervor, der Eindruck werde durch die umlaufende Fensterreihe darunter bewirkt. Ich weiss es nicht. Mir scheint das pure lastende Gewicht des Baues zu überwiegen.
Vor ein paar Jahren fanden sich direkt zu Füssen der byzantinischen Zentralkirche die zierlichen Reste der antiken griechischen Siedlung. Mir kommt der Gedanke an einen kolossalen Pfropfen, unter dem die antike allzu menschliche Vielgötterwelt für alle Zeit weggesiegelt wurde.
Und, ironisch genug, auf der Galerie im ersten Stock rechts findet sich das Grabmal des Dogen Enrico Dandolo, hauptverantwortlich für die Plünderung und Zerstörung Konstantinopels infolge des Kreuzzuges 1204. Der Lohn der Bemühungen findet sich heute als Trophäe gut sichtbar an der Aussenfassade von San Marco in Venedig anmontiert. Die Reliquie des San Marco selbst wurde schon früher aus Ägypten organisiert. Sie haben Byzanz das Rückgrat gebrochen. Danach war es ein Kadaver und wurde von Würmern besiedelt.
Wieder treffen wir uns abends zum Essen, wieder von jungen Männern in ein Lokal komplimentiert ("this is turkish hospitality, you know!"), es heisst Sultans Delight, Sultans Divan oder so ähnlich, erfreuen uns danach an Shisha und Raki. Am nächsten Morgen geht es nicht jedem besonders.
24. Feb. 2011, Donnerstag
Sehr langer Marsch zur theodosianischen Landmauer entlang rauschender Betonpisten, sechs- oder achtspurig fast ohne Übergang, dafür von einem verirrten Aquädukt überstiegen. Mit Carl passiere ich auch einige Fussballplätze, die ihn sehr anziehen. Er bittet sogar die Polizisten um Auskunft, wer da vor siebzehn Zuschauern spielt. Der Mensch braucht seine öffentlichen Darbietungen. Circenses zum panem. Die letzte einigermassen erhaltene Mosaikausstattung einer ehemaligen byzantinischen Kirche findet sich in der Chora-Kirche und erweist sich als überwältigend. Christus, Adam und Eva am jüngsten Tag aus ihren Gräbern zerrend, ein Action-Hero. Die Parade der Heiligen in stillem geordnetem Ernst. Hier lässt sich das Mysterium noch ahnen, das an die Stelle der antiken Tempel-Kulte trat und an die Stelle des altgriechischen Mutterwitzes die Festlegungen von Nikäa stellte.
Draussen erreichen wir die Landmauer, die sich einst endlos über die Hügel zog, alle fünfzig Schritt ein Wachturm, einige Tore. Heute durchbrochen von seltsam verkästelten Hilfswohngehäusen, teils verrottet oder ausgebrannt. Dann noch die Ruinen des Konstantins-Palastes, die sich hoch über einen Bus-Parkplatz erheben, massivstes Mauerwerk mit Kragsteinen für einen Balkon, wie abgebrochene Hauer. Neben jedem verbliebenen Denkmal des untergegangenen Byzanz findet sich eine aufgezogene türkische Flagge, so auch hier.
Ruine eines Kaiserpalastes
Das wäre nicht mehr erforderlich: die alten Bewohner sind seit Langem davongezogen.
Freitag Mittag geht auch mein Flugzeug.
Schlammidol
Arbeitsschuhe